Praxisbeispiel
04.12.2017

Flexibilisierung einer Biogasanlage: Der Haslachhof

Biogasanlage Haslachhof mit Betriebsgebäude, hohem Tank und Rohrleitungen
Hinweis: Dieser Beitrag ist vom 04.12.2017. Gesetze, Förderbedingungen und Fristen haben sich seitdem teilweise geändert – sprechen Sie uns für den aktuellen Stand gern an.

Für Veränderungen ist man auf dem Haslachhof bei Löffingen im Schwarzwald immer offen. In den knapp 50 Jahren seit der Hofgründung hat sich bei der Betreiberfamilie Wiggert so einiges getan: die Umstellung vom Neben- auf Vollerwerb, die Erweiterung des reinen Ackerbau-Betriebs um eine Rinderherde, die Umstellung von konventioneller auf ökologische Bewirtschaftung – nur um einige der Meilensteine zu nennen.

Heute ist Wolfram Wiggert, der den Betrieb 2012 von seinem Vater übernommen hat, Herr über mehrere hundert Hektar Acker- und Grünland sowie eine Hinterwälder-Rinderherde mit 40 Mutterkühen samt Kälbern – und Betreiber einer Biogasanlage mit knapp 1.630 kW elektrischer Leistung.

Zu Beginn eine Biogasanlage mit zwei BHKW und 500 kW

Angefangen hat das Projekt „Strom- und Wärmeerzeugung“ auf dem Haslachhof im Jahr 2006 mit dem Bau einer Biogasanlage mit zwei BHKW mit insgesamt 500 kW elektrischer Leistung. Gleichzeitig wurde eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Rinderstalls installiert. Die produzierte Wärme stellte Familie Wiggert der etwa einen Kilometer entfernten Stadt Löffingen zur Verfügung – die zu dieser Zeit ohnehin viele ihrer Heizungen in den öffentlichen Gebäuden modernisieren musste. Die Gemeinde nutzte die Gelegenheit, investierte in ein städtisches Nahwärmenetz und nahm das Angebot des Haslachhofs an, zumal sie die Wärme anfangs sogar kostenlos geliefert bekam.

Ökologische und nachhaltige Kreislaufwirtschaft

Denn für Familie Wiggert stand mit dem Bau der Biogasanlage nicht die Idee eines weiteren Erwerbszweigs im Mittelpunkt. Sie wollte und will vielmehr ihren Betrieb ökologisch und nachhaltig führen und den Gedanken der Kreislaufwirtschaft konsequent umsetzen. Und das gelingt mit der Biogasanlage:

Die Überlegungen, die die Familie anstellte und die schließlich zur Biogasanlage führten, begannen beim Punkt der ökologischen Bewirtschaftung – will man sie konsequent betreiben, dürfen weder chemische noch synthetische Dünger eingesetzt werden. Um dennoch gute Ernteerträge zu erzielen und die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern, ist eine nachhaltige Fruchtfolge wichtig. Dafür sät Wolfram Wiggert dreieinhalb Jahre lang ein Luzerne-Klee-Gras-Gemenge, das extrem tief wurzelt, Stickstoff aus der Luft sammelt und im Boden bindet. Somit wird der Boden gelockert und das Bodenleben angeregt – ganz nebenbei ist Wiggert stolz darauf, dass ein Hektar seines Klees jährlich die Menge an Stickstoff im Boden fixiert, für die man sonst ca. 600 Liter Erdöläquivalent für mineralischen Dünger brauchen würde.

Nach dem Anbau des Klees folgen Dinkel, Hafer und Einkorn, schließlich Grünroggen und Mais. Dann wird eine Mischung aus Gerste, Roggen, Triticale und Wintererbsen gesät. Geschlossen wird der Kreis der Fruchtfolge dann wieder mit Luzerne-Klee-Gras.

So weit, so gut. Allerdings brauchte das Ackerland zusätzlichen Dünger. Und es musste eine Lösung für den ganzen Aufwuchs des Luzerne-Klee-Grases her. Noch mehr Kühe anzuschaffen wäre keine Option gewesen. Also investierte Familie Wiggert in eine Biogasanlage. Somit gelang es, Gras, Grünroggen und Mais komplett zu verwerten, den Mist der Kühe ebenfalls im Fermenter energetisch zu nutzen und schließlich den Gärrest als hochwertigen organischen Dünger auf Wiesen und Äcker auszubringen. Auf diese Weise können so viele Nährstoffe wie möglich im Betrieb behalten und komplett verwertet werden. Der Nährstoffkreislauf ist so nahezu geschlossen.

Flexibilisierung mit dreifacher Überbauung

2016 allerdings, als die beiden alten BHKW zehn Jahre „auf dem Buckel“ hatten und immer mehr Reparaturen notwendig wurden, standen neue Veränderungen an. Wolfram Wiggert entschied sich zu flexibilisieren. Zum einen, um durch eine Überbauung Mehrerlöse am Strommarkt zu erzielen und zum anderen, um durch die 100-prozentige Wärmenutzung auch nach 20 Jahren EEG-Förderung die Chance zu haben, seine Anlage weiterhin wirtschaftlich zu betreiben. Er baute zwei BHKW mit Jenbacher Gasmotoren zu und hat seine Anlage dadurch dreifach überbaut – statt zuletzt 530 kW besitzt er jetzt eine 1.628-kW-Anlage und produziert etwa 4,4 Millionen kWh Strom pro Jahr. Das entspricht dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von ca. 1.104 vierköpfigen Familienhaushalten. Jeden Tag werden dafür über 25 Tonnen Material in die Fermenter eingefüllt und vergoren. Dank der PV-Anlage auf dem Stall und einer weiteren, die 2017 auf der neuen Maschinenhalle angebracht wurde, können alle Verbraucher wie BHKW und Biogasanlage zum Teil mit Eigenstrom betrieben werden.

Durch den zusätzlichen Bau eines 100 m³ großen Pufferspeichers kann Wolfram Wiggert jetzt saisonal und tageweise flexibilisieren und dann produzieren, wenn Strom und die entstehende Abwärme benötigt werden. Eingespeist wird die Abwärme weiterhin in das städtische Nahwärmenetz, das jährlich vergrößert wird. Der Haslachhof liefert dafür die Grundlastwärme für die angeschlossenen öffentlichen Gebäude und Privathaushalte, was etwa 350.000 Litern Heizöl pro Jahr entspricht.

Insgesamt kommt die Biogasanlage auf einen elektrischen Wirkungsgrad von 41,5 % und auf einen thermischen Wirkungsgrad von 43 %, sodass der Gesamtwirkungsgrad jetzt knapp 85 % beträgt.

Investitionen über eine Million Euro

Ein Mammutprojekt, das den Haslachhof gewaltige Investitionen gekostet hat. Samt neuer Trafostation, Gasleitung und Gasaufbereitung ist über eine Million zusammengekommen – Kosten, die ohne die Flexprämie nicht zu stemmen gewesen wären und die Wolfram Wiggert dennoch so manche schlaflose Nacht beschert haben. Trotzdem würde er jederzeit wieder genauso handeln – weil er durch die zusätzlichen Motoren und mehr Redundanz jetzt ein entspannteres Leben führt, weil er für ein wirtschaftliches Betreiben seiner Anlage nach der EEG-Förderung keine Alternative zur Flexibilisierung sieht und weil die Biogasanlage den Betrieb seiner ökologischen Landwirtschaft erst so richtig rund macht. Denn nur dank des Gärrests aus der Biogasanlage (in Kombination mit der abwechslungsreichen Fruchtfolge) kann er Erträge im Ackerbau erzielen, die sich durchaus mit denen konventioneller Betriebe messen können.

Doch der Haslachhof wäre nicht der Haslachhof, wenn nicht schon wieder Veränderungen anstehen würden: Wolfram Wiggert plant bereits ein Gärrestlager mit noch größerem Gasspeicher und eventuell einen weiteren Motor. Das hängt aber nicht zuletzt auch davon ab, wie sich die Preise am Strommarkt weiterentwickeln und wie die politischen Perspektiven aussehen.

Weitere Infos sowie Fotos vom Haslachhof finden Sie unter haslachhof.de.

Impressionen:

Außenansicht der Biogasanlage Haslachhof mit BHKW-Container und SpeicherJenbacher Gasmotor im BHKW der Biogasanlage HaslachhofBHKW-Modul mit Generator und Schaltschrank am HaslachhofBHKW-Gebäude und Abgasleitungen der Biogasanlage HaslachhofBHKW-Modul im Maschinenraum der Biogasanlage Haslachhof

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